Schlagt sie tot mit ihren Selfie-Sticks

Ehrlich, was mir gerade passiert ist, das glaubt mir jeder. Aber dennoch hat es mich aufs Tiefste erschüttert in meinem sowieso schon sehr geringen Glauben an die Menschheit und da speziell an die männliche Hälfte.

Ich laufe in der mir bekannten furchtbarsten Stadt Deutschlands herum, dem spießigsten Dorf, das ich kenne: Düsseldorf. Es ist kalt, das Wetter ist grau und ich bin schlecht drauf, will nur weg.

Da sehe ich, wie am späten Vormittag ein Mittvierziger-Modeopfer mit Hipsterbart eine von diesen furchtbaren Franchise-Fresslokalen verlässt, wo mehr wert auf die Corporate Identity und den Instagram-Auftritt gelegt wird als aufs Essen (was ja auch nicht so schlimm ist, denn die Leute, die dort essen gehen, haben von gutem Essen keine Ahnung).

Und was macht dieser Trottel? Holt einen Selfie-Stick raus (und wir haben schon 2019!) pappt sein Handy dran und macht ein Foto von sich vor dem Logo des Ladens »What’s Beef?«. (Da fällt mir ein, ich muss mal prüfen, ob es den Laden überhaupt noch gibt. Vielleicht ist der dankenswerterweise schon pleite. Schön wär es ja!)

Ich denke erst, ach guck mal, wie lustig, der will seiner Frau beweisen, dass er nicht fremdgeht. Oder welchen Grund sollte es sonst geben, ein Beweisfoto einer solchen gastronomischen Entgleisung zu schießen? Vor dem Maxim in Paris ein Foto zum Andenken zu machen, können meine kleinen, grauen Zellen so gerade noch akzeptieren, wenn auch nicht dulden, aber vor einer Düsseldorfer Franchise-Bude, die aussieht wie in jeder anderen x-beliebigen Stadt?

Ich verstehe es nicht. Aber das ist sowieso mein mehrheitlicher Wachzustand geworden, spätesten seitdem jeder, jederzeit und überall seine Erlebnisse twittert, whatsappen und instagrammen kann, egal, ob es interessant ist oder nicht.

Und ich frage mich immer: Warum tun die Leute das?

Was ist der Sinn dahinter, andere Leute mit dem eigenen Allerweltskram zu belästigen? Haben Sie vielleicht Krebs geheilt? Den K2 bestiegen? Oder ein Einhorn geschossen? Nein, sie haben sich ein überteuertes Steak von japanischen Kühen bestellt.

Wenn Sie einen Freund oder Bekannten haben, der so was in seiner Timeline schreibt, dann beschweren Sie sich doch mal: Alter, das ist so was von langweilig! Oder: Lass mich mit deinem Scheiß in Ruhe. Oder: Während du isst, treibt es deine Frau mit dem Postboten.

Da werden Sie mal sehen, wie schnell Sie von diesen unnützen Wasserstandmeldungen befreit sind – dann ist das nämlich ihr Ex-Bekannter, der sie von nun an ghostet. Und wenn Sie nicht wissen, was Ghosting ist, nicht schlimm, wenn Sie diese Zeilen vernehmen, ist es wahrscheinlich schon längst wieder out, ein Trend von gestern, etwas, über das Kenner nur noch die Nase rümpfen.

Aber alles hat wohl auch zwei Seiten. Denn irgendwie, irgendwann und irgendwo muss mal ein Grenzdebiler auf ein Like geklickt haben, als Schackeline vom Solarium nebenan ein Foto gepostet hat, von dem tollen Eiersalat aus dem neuen, hippen Laden an der Ecke.

Aber ist das nicht auch Stalkin irgendwie? Warum verfolgen Sie, was Schackeline oder irgendein beliebiger Star (neudeutsch: Celebrity) so schreibt? Ist das wirklich wichtig? Nein. Sie wühlen ja schließlich auch nicht im Müll des vorletzten Dschungelcampbewohners, um zu gucken, was der so isst. Müssen Sie auch gar nicht, denn das hat der wahrscheinlich unter dem Hashtag »lecker« schon längst allen seinen hunderttausend Followern geschrieben.

Auch irgendwie lustig. Da gibt es Leute, die nichts können, nichts wissen und meist auch noch hässlich sind, und es gibt dank Internet Zigtausende, wenn nicht Millionen, die Anteil nehmen an den Erlebnissen dieser sozialen Krebszellen, und dennoch kommen die meisten von ihnen auf keinen grünen Zweig, müssen weiterhin ihre Titten ungefragt in die Kameras halten, bei irgendwelchen Spielshows, die keiner sieht, in der Jury sitzen oder gar mitmachen und dürfen (der Ritterschlag) in Australien Kakerlakenpüree essen oder auf der Alm Kuhmist entsorgen.

Scheiß neue Welt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.