Nine Eleven – Ich war’s nicht

Kennen Sie das? Sie sind auf einer Party – vielleicht sogar auf ihrer eigenen. Die Gespräche plätschern leicht und unaufgeregt vor sich hin, wohl weil man die Gesprächspartner und deren Lieblingsthemen schon zigmal durchgekaut hat. Niemand denkt sich was Böses, am allerwenigsten sie selbst; und dann kommt der Holzhammer. Irgendeiner haut einen Satz, nur einen Halbsatz sogar, raus, und Sie denken: »Das hat der nicht wirklich gerade gesagt, oder?«

In meinem Fall lief das folgendermaßen: Meine Frau und ich hatten Paare eingeladenen, die schwankten in ihrer metaphysischen Bedeutung für uns irgendwo zwischen Bekannte und Freunde – das Pendel hatte sich also noch nicht bei allen entschieden. Jedenfalls tranken alle Alkohol – was schon mal gut ist – und, soweit ich es sehen konnte, litt auch keiner unter irgendeiner Modeallergie oder hing irgendeinem obskuren Nahrungstrend nach.

Das Essen war schon vorbei, die Teller abgeräumt. Und jetzt zerstreuten wir uns in der Wohnung, bildeten kleine Grüppchen, jeder mit einem Glas seiner Lieblingsspirituose in der Hand. Wie man das halt als Erwachsener so tut, wenn keine nervigen Kinder oder zu betätschelnde Haustiere in der Nähe sind.

Ich weiß noch, dass ich in der Küche stand und zwischen Obstbrand, den ein sehr zuvorkommender Gast mitgebracht hatte, und Ouzo schwankte – nicht nur im übertragenen Sinne, sondern auch im wortwörtlichen Sinne, denn ich hatte schon leicht einen sitzen. Eine rundum gelungene Feier also! Bis zu diesem Moment.

Als ich also noch so grübelte, kam ein Geschäftskunde meiner Frau auf mich zu, mit dem ich mich zuvor noch sehr locker und kurzweilig über verschiedene Urlaubsziele, die Vorzüge von Antiallergiker-Bettwäsche und den letzten Bond-Film unterhalten hatte. Also alles Themen, die glücklicherweise vollkommen unverfänglich, da unpolitisch sind. Da guckte er mich aus schon leicht auf Halbmast hängenden Augenlidern an, das nahezu leere Glas Calvados in der Hand und sagte zu mir den Satz, den ich nie vergessen werde: »Also, das mit Nine Eleven, ne, da erzählen die uns nicht die Wahrheit, da steckt auf jeden Fall noch mehr dahinter.«

Ich stand da, wie vom Blitz getroffen. Was sollte das jetzt? Ich denke noch, verdammt, wieder Zeit und gute Witze an ein Arschloch verschwendet. Und er hätte doch so nett sein können. Wer weiß, vielleicht sogar zusammen mit seiner Frau der Teilnehmer für den nächsten Toskana-Pärchen-Weinprobenurlaub. Oder, wer weiß, vielleicht sogar für den feuchten Traum aller Mittvierziger-10-Jahre-plus-Verheirateten: Partnertausch. Seine Frau lag nämlich auf dem Erotikgrad ziemlich genau auf dem meiner Frau.

Da kommt er also mit diesem Urvater aller Internet-Verschwörungstheorien an und versaut mir mit einem Spruch den ganzen Abend und den schönen Alkoholdusel, denn ich war schlagartig wieder nüchtern. Nein, da war keine versteckte Kamera. Ich musste es wissen, es war meine Wohnung, und die versteckte Kamera gab es nur auf dem Gästeklo.

Unfassbar. Hätte er mir offenbart, gerne kleine Kinder zum Frühstück zu fressen oder mich gefragt, ob er mir im Keller einen blasen dürfte, ich wäre nicht halb so schockiert gewesen – im letzteren Falle vielleicht sogar ein wenig geschmeichelt.

Aber so?

Er schaute mich dabei an, als wüsste er um alle Geheimnisse der Menschheit. So als hätte er gnädigerweise sein Wissen mit mir geteilt, um mich auf seine Seite zu ziehen, auf seine Seite der wirklich Wissenden, auf die Checkerseite, die Seite der Aluhutträger und Idioten.

Und, mein Gott, ich schwöre es, jetzt wo ich es erzähle, er hatte sogar seine Stimme gesenkt. Was dachte der sich, dass er nur so die Wanzen der CIA in unserer Wohnung überlisten könne? Fast rechnete ich damit, jeden Augenblick von einer Truppe schwarz vermummter, bis an die Zähne bewaffneter Marines verhaftet zu werden, die sich an Seilen hängend durch das Küchenfenster stürzen.

Ich murmelte nur irgendwas von wegen, ich müsse mal schauen, was meine Frau gerade so treibt (obwohl mich das gar nicht interessierte) und stahl mich davon. Er wirkte nicht so auf mich, als wäre er enttäuscht ob meiner Ignoranz. Stattdessen schenkte er sich noch was von einer Flasche mit grüner Flüssigkeit nach.

Sollte das jetzt ein schlechter Scherz gewesen sein? Oder war das nur ein Test? War das ein geheimes Ritual unter Verschwörungsspinnern? So wie sich Freimaurer mit einer bestimmten Art die Hände zu schütteln einander zu erkennen gaben?

Das erinnerte mich schlagartig an einen ehemaligen Kollegen im Büro, der mich immer davon zu überzeugen versucht hatte, dass die Amerikaner niemals und unter gar keinen Umständen auf dem Mond hätten gewesen sein können.

Ja, da denkt man, jemanden zu kennen: Akademiker, Sammler von alten Konsolenspielen, verheiratet, zwei Kinder und dann entpuppt er sich als Idiot aus dem Mittelalter.

Ich weiß ja nicht, wie Sie es sehen, aber mir machen solchen Menschen Angst. Ähnlich wie Menschen, die ihre Religion als Maßstab für die Welt nehmen. Was weiß denn ich, ob ihre Wahnvorstellungen nicht im nächsten Augenblick ausbrechen und sie alle anwesenden mit einem Buttermesser oder Fonduespieß dahinmeucheln, weil es ihnen ihr Gott oder ihr inneres Kind befohlen hat.

Für den Rest des Abends war blieb ich jedenfalls nüchtern – was bei solchen Partys immer äußerst unbefriedigend ist und beobachtete den Spinner aus den Augenwinkeln. Ich wollte auf alle Fälle vermeiden, dass er irgendeine geheime Botschaft in der Wohnung hinterließ, oder eine Wanze oder was auch immer. Weiß ich denn, wie diese Typen drauf sein? Oh Gott, hatte er am Ende eine Waffe bei sich? Oder kippte er heimlich Gift in die Drinks der Anwesenden? Das hätte meine Kopfschmerzen am Abend erklärt.

Und siehe da: Seine Frau war auf einmal auch nicht mehr so hübsch und lachte meist nur affektiert. Außerdem sprach sie »allegorisch« falsch aus. Meine Frau hat außerdem auch viel mehr Busen.

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