Autosendungen – der Wurmfortsatz im TV oder: Was zur Hölle sind Newtonmeter?

Ich frage Sie: »Warum gibt es Autosendung im TV?« Sie wissen, was ich meine? Das sind diese Programme, in denen Männer Autos »testen«. So wie man anderorts Weine, Filme oder Bücher testet und vergleicht. Mir hat sich der Sinn dieser TV-Formate nie offenbart. Frauen werden wahrscheinlich noch nicht einmal von der Existenz solcher Sendungen wissen.

Die verschiedenen Typen von Autosendungen

Da gibt es einmal die bierernsten Formate mit dem Charme einer Beamtenstube aus den 1970ern. Solche Sendungen wie AutoMotorSport – gibt es die noch? – meist sind dort abgehalfterte, ehemals mittelmäßig erfolgreiche deutsche oder niederländische Rennfahrer zu sehen, die über die Vorzüge der neuesten Mitsubishi-Familienkutsche referieren, wie sonst nur klugscheißende Weinkenner auf Stehpartys.

Was soll der Vergleich zwischen Untere-Mittelklasselimousinen? Für mich ist Auto gleich Auto; zumindest was die Modelle betrifft, die ich mir leisten kann und auch leisten will. Dieses Quartett-Spiel für Erwachsene, bei denen uninteressante Fakten verglichen werden mit der Ernsthaftigkeit, als würde man ein neues Wundermittel gegen Krebs (oder zumindest gegen Haarausfall) vorstellen: »Also, der neue Tuttifrutti 1.3 TDI zeichnet sich durch eine sportliche Fahrweise und einen großzügigen Kofferraum aus.« Ja, klar, so als würde man jeden Tag in den Urlaub fahren, statt nur genervt und allein im Stau zu stehen, auf dem Weg zum verhassten Job. »Hey, dein Kofferraum hat vielleicht 10 Liter mehr Volumen. Ok, aber dafür fast mein Tank 2 Liter mehr Sprit! Stich! Ich habe gewonnen!«

Wissen Sie, für mich sind Autos so wie Hämmer oder Kartoffeln. Nichts Aufregendes, eher was Nützliches. Klar, es gibt immer so Wichtigtuer, die über die Vorzüge der verschiedenen Kartoffelsorten bestens bescheid wissen: »Ja, das rosane Schlüpferliedchen war früher ja sehr in Ostdeutschland beliebt, ist mehlig festkochend und lässt sich gut einkellern. Im Vergleich zum Goldenen Fichtensteiner, der eher für die Gourmets ist, da er ein starkes Aroma aufweißt!« Kartoffeln? Klar, nett, aber am Ende schmecken die alle gleich, oder?

Wie viele Punkte hat eine Arschheizung im Auto-Quartett?

Für mich ist bei einem Auto mittlerweile nur eine Sache wichtig: die Sitzheizung. Wenn man im Winter in den Wagen steigt, die Knochen noch steif vor Kälte sind, wenn man wieder ein ödes, sinnloses Meeting zu erwarten hat, dann ist eine Sitzheizung wie ein kleines Trockenbad, es fehlt nur noch das Fichtennadelbadeöl – aber dafür gibt es ja die Duftbäumchen von der Tankstelle.

Eine andere Variante dieser Sendungen sind die eher witzig aufgemachten. In denen gibt man sich dem Thema also eher unernst hin, sozusagen mit einem schelmischen Augenzwinger: »Hey, ich weiß, sind nur Autos, aber die machen so schön Brumm Brumm!«

In diesen Sendungen, die gerne auch aus dem Ausland importiert werden, gibt es gesetzte Herren mittleren Alters, mit schütteren Haaren, Bierbäuchen und Weltanschauungen aus der Zeit zwischen den Weltkriegen. Bei diesen Sendungen müssen immer Autos vorgestellt werden, die a) die meisten nicht kennen und b) sich niemand leisten kann, der nicht sein von Oma geerbtes Reihenhäuschen versetzen will.

Diese »Tester« (mit großen Luftanführungsstrichen) fahren johlend in einem Ferrari, Lambodingens oder dem nagelneuen Porsche umher, die dann meist noch in irgendwelchen Extra-Varianten vorliegen. Da sind es dann nicht 500 PS sondern 550. Und die Autos haben dann niedliche Abkürzungen wie GTI, GTD, Quattrospeciale oder so … alles Abkürzungen, die keiner versteht, aber bei denen alle wissend nickend.

Und dann fahren sie, natürlich immer schön mit Anfahrunterstützung und Schaltautomatik, weil sie sonst mit Sicherheit den Motor abwürgen, johlend und lobend im Auge der Kamera über ihre kleine Rennstrecke, die ihr ganzes Leben zu sein scheint. Und immer sind es zu Rennstrecken umfunktionierte ehemalige Flugpisten. Klar, da gibt es weite Auslaufzonen; hoppala, da darf der Tester sich schon mal einen Ausritt übers Grün erlauben.

Man schwadroniert über Anpressdruck, links sitzenden Nockenwellen oder gigantische Newtonmeter.

Was zur Hölle sind Newtonmeter?

Newtonmeter. NEWTONMETER! Hallo? HALLLLO?! Was, bitte schön soll das überhaupt sein? Schon in der Schule unterhielten sich meine Klassenkameraden gerne über Newtonmeter. Ich habe keine Ahnung, was Newtonmeter sind. Ist das die Strecke, die Newton geschafft hat nach drei Pints Ale? Und wenn, was sind dann gute, sprich: »respektvolle« Newtonmeter? 3? – Nein, eher nicht. Oder 150? Ja, klingt schon realistischer. Oder geht es auch mit Komma? 150,7? Und ist mehr besser oder schlechter? Und ab wie vielen Newtonmetern werden Erektionsstörungen erfolgreich kompensiert?

Und ganz besonders widerlich finde ich die TV-Sendungen, in den nur Denglisch und Assi-Deutsch gesprochen wird, diese Sendungen die dann Gripp oder Dipp oder Depp oder so heißen. Wenn ich bei meinem Wegschalten durch die Fernsehkanäle dort zufällig drei Sekunden länger verweile und meine Frau sofort fragt: »Warum guckst du das?«

Zwei Kerle Mitte 20 sitzen zusammengequetscht in irgendeiner Karre und werden dabei effektvoll von einer Dashboardkamera gefilmt. Es ist merkwürdigerweise immer Sommer. Beide tragen die aktuellen Insignien simulierter Männlichkeit: tätowierte Oberärmchen und eingeölte Hipsterbärte.

Und dann lassen sich diese Neandertaler darüber aus, wie der Wagen auf der Landsraße liegt, bei 80 km/h … im Sauerland … toll, ne? Das kann mein Golf 2 auch. Und jeder Satz beginnt bei denen mit »Ey, Digga!« oder »Ey, Alder!« … komische Namen, oder? Und am Schluss steigen sie aus, labern stundenlang in die Kamera, wobei man sehen kann, wie sie mit ihren Pupillen die Pappen ablesen, die der Praktikant hochhält. Ich frage mich dann immer, wer guckt so eine Scheiße? Frührentner? Haustiere? Komapatienten?

M3-Aufkleber – das Arschgeweih eins BMW-Fahrers

Das sind die Sendungen für Leute, die sich einen 10 Jahre alten Dreier BWM kaufen und übers Internet dann noch den M3-Aufkleber dazu bestellen. Die Damen werden das nicht kennen. Wozu auch? Gehört in die Kategorie unnützes Wissen. M3 ist die hauseigene Tuning-Schmiede von BMW. Ja, da werden Autos, die schon 200 PS haben noch mal gepimpt, damit sie 220 PS haben, natürlich gegen Extra-Kohle. Und als Gütesiegel gibt es dann einen schicken Aufkleber am Arsch. Sozusagen das Arschgeweih eines BMW-Fahrers. Wenn Sie also einen Wagen mit M3-Aufkleber vor sich haben, seien sie gewarnt, fahren sie rechts ran, überholen sie nicht und unterlassen sie das Betätigen der Lichthupe, nicht aufschrecken, einfach warten, bis er weg ist.

Aber, wenn ich es mir richtig überlege, sollte man diese Aufkleber an allen Seiten des Wagens anbringen – aber verpflichtend! Und besonders vorne, dann ist man auf der Autobahn gleich gewarnt: Achtung, da kommt wieder so ein Akrobat, dem mal wieder das Blut an Gehirn und Penis vorbei, direkt in den Gasfuß gerutscht ist.

Sportlich im Stau stehen

Ach, wir Männer, was sind wir doch für eine simpel gestrickte Spezies. Wir wollen sportlich im Stau stehen, dabei die Musik so laut aufgedreht, dass man schwerhörig wird, nur damit der Staunachbar mitbekommt, was für einen tollen Musikgeschmack wir haben. Und als Krönung prangt am Kofferraumdeckel neben dem M3-Aufkleber ein Aufkleber mit dem Text »Kein Kevin an Bord« – klar, das eigene Kind heißt ja auch Schackeline.

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